schnipsel

Der unendliche Sternenhimmel

Nachthimmel über See

Eine sanfte Brise ließ nahes Schilf rascheln und wies den Weg von Ben und Klaus in der betörend lauen Sommernacht. Gottes Lächeln erwärmte die Welt an dieser Stelle und weitete die Seelen der Suchenden. Unweit des Sees fanden sie eine ebene Stelle für die Isomatten und Schlafsäcke. Ein letztes Bier, dann waren beide endlich müde genug und sprachen auch nicht mehr. Ben war eingeschlafen. Klaus drehte sich auf den Rücken und schaute in den unendlichen Sternenhimmel über sich. Hier waren sie weit genug außerhalb der Stadt und hatten keine störenden Lichter. Die Nacht war mondlos und bot einen grandiosen Blick auf die Sterne. Ein Satellit zog langsam seine Bahn, zu gleichmäßig und zu klein für ein Flugzeug. Klaus erkannte das breite Band der Milchstraße und versuchte, sich zu orientieren. Wo war doch gleich der Andromedanebel, die nächste Galaxie? Die müsste man sehen können. Und die anderen, unendlich vielen Galaxien weiter draußen, sah man diese, vielleicht nur als Punkte? Warum überhaupt gab es nicht überall helle Punkte? Ebenso, wie kein Licht von der Straße zu ihnen drang, weil Bäume dazwischenstanden, dürfte es keine Dunkelheit am Himmel geben, wenn nur genügend viele Sterne in Blickrichtung stehen. Unendlich viele sollten allemal genug sein. Warum also war der Himmel überhaupt dunkel?

Die Dinge

Klaus lehnte sich zurück und versuchte, zu rekapitulieren. Das Periodensystem erklärte sich bereits aus der nichtrelativistischen Schrödingergleichung für zwei punktförmige ungleichnamige Ladungen? Zumindest, wenn man das von Pauli ad-hoc geforderte Ausschließungsprinzip voraussetzt, und damit die vorhandenen Energieniveaus sukzessive auffüllt? Und das Pauliprinzip: hatte er richtig verstanden, dass dieses aus der von Dirac genial gefundenen relativistischen Bewegungsgleichung eines Elektrons hervorging? Und dass der Zusammenhang mit dem Spin und dessen Algebra zusammenhing, die eng verwandt mit den Quaternionen war? Und dass das Verhalten von Elektronen bei Drehungen im Raum die seltsame Eigenschaft mit den Quaternionen teilte, bei einer Drehung um 360° das Vorzeichen zu wechseln? Und dass daraus letztlich das Ausschließungsprinzip folgte?

Die Wahrnehmung

Ein Photon wird von der Sonnenoberfläche emittiert, gelangt nach einer langen Reise schließlich auf die Pfütze, bemerkt den Ölfleck, wird gebrochen, reflektiert und erreicht schließlich die Kamera, wo es von der Linse auf den Film abgebildet wird und dort eine elektrochemische Reaktion auslöst oder auch nicht. Bis hierhin enthält das einzelne Photon alle Farben des schillernden Ölflecks, umfasst seine gesamte räumliche Struktur und trifft mit all diesen Informationen auf alle Silberhalogenidkörner des Films! Und dann passiert ein magischer Moment: das Photon entscheidet sich, ein ganz bestimmtes Korn anzusprechen.

Babylon, 1.758 AD

Wenn du nachts in den Himmel schaust, wirst du Muster und Figuren in den kleinen Punkten erkennen und merken, dass auch diese von Tag zu Tag weiterwandern und schließlich ganz verschwinden, um dann, nach sechs mal sechzig und weiteren fünf Tagen, an gleicher Stelle wieder zu erscheinen.

Am Anfang stehen die Zahlen und ihnen folgt die ganze Natur. Wenn du die Welt erkennen willst, musst du die Zahlen verstehen.

Die Zeit

Ist ein System mit Hamiltonoperator gegeben, so folgt dessen zeitliche Entwicklung deterministisch der Schrödingergleichung. Die zeitliche Richtung aber ist unbestimmt: das System ist in Bezug auf Zukunft und Vergangenheit symmetrisch.

Nach Emmy Noether führt jede Symmetrie zu einem Erhaltungssatz. In zeitsymmetrischen Systemen ist die Entropie erhalten.

Die Schrödingergleichung kann das in der Realität beobachtete Entropiewachstum und den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht begründen! Welches physikalische Gesetz dann?

Eine offene Frage und ein großes Rätsel, bis heute.

Alexanderschlacht

Klaus wandte seinen Blick nach rechts und entdeckte ein eher unscheinbares Gemälde, dessen dunkle Farben sich kaum von der in matt gedämpftem Chromgrün gehaltenen Wandbespannung abhob und gerade noch einen Platz zwischen der Ecke des Raums und seinem Durchlass zum Nachbarsaal gefunden hatte. Das etwa? Er ging einen Schritt näher und las: Albrecht Altdorfer, Schlacht bei Issus (Alexanderschlacht).

Klaus hatte sein Ziel erreicht – und war enttäuscht. Nach der euphorischen Beschreibung von Luise Bauer hätte er sich dieses Werk deutlich größer, viel monumentaler vorgestellt. Dann jedoch faszinierte ihn etwas. Waren es die unzähligen Lanzen, die blitzenden Spitzen, die Fahnen, die überaus detailreich und fleißig dargestellten Figuren mit ihren historischen Gewändern? Oder der riesige Himmel mit der Sonne rechts und dem Mond links? Klaus spürte eine magische Anziehung und vertiefte sich in das Gemälde. Und dann fand er auch den Ausschnitt seiner Postkarte mit dem Streitwagen des Darius, der hier im Original noch kleiner als auf seiner Karte war.

Einige Erinnerungsfetzen aus dem Gespräch mit Luise Bauer waren hängen geblieben, der Sieg des Abendlands über die ungläubigen Türken, symbolisiert durch die aufgehende Sonne und den verblassenden, niedergehenden Mond. Er wollte das mythische und großartige in diesem Bild entdecken, vor allem aber herausfinden, warum er diese Postkarte bekommen hatte.

Jetzt war er nah genug gekommen, um Einzelheiten zu erkennen. Ein riesiger Schlachtenschinken, mit unendlich fleißig ausgearbeitetem Kampfgetümmel, in dem sich die kämpfenden Figuren in den Rüstungen des 16. Jahrhunderts begegneten und verwickelten. Er hätte Stunden damit verbringen können, in diesem Teil des Bildes einzelne Personen, Handlungen, oder Symbole herauszulesen. Doch seine Aufmerksamkeit wurde von einem anderen Teil des Bildes angezogen, der Landschaft über dem Schlachtgeschehen und noch viel mehr, dem Himmel darüber. Der Himmel war das eigentlich interessante, er nahm den größten Teil des Bildes ein und auch er wogte mit seinen Wolken, auch er focht einen Kampf, vom warmen Licht der Sonne und kaltem Schein des Mondes durchstrahlt. Doch irgendetwas stimmte nicht, Klaus wurde stutzig. Wenn rechts im Bild die Morgensonne aufgeht, dann kann nicht gleichzeitig links im Bild der Mond untergehen. Das einzige was im Tagesrhythmus auf- und untergeht sind unsere Wahrnehmungen von den weitgehend unbewegten Objekten am Himmel, geprägt durch die Drehung der Erde von West nach Ost. Wenn also die Sonne rechts im Bild aufgeht, und ein Mond gleichzeitig untergehen soll, so müsste er noch weiter rechts im Bild gemalt sein. Dann aber müsste sich seine helle Sichel nach links krümmen, und nicht nach rechts, wie bei Altdorfer. In diesem Fall wäre der Mond ein abnehmender, und die Symbolik wäre perfekt. Aufgehende Sonne und untergehender und abnehmender Mond, darunter der entscheidende Moment, in dem der 23-jährige Alexander den großen Sieg des Abendlands über Darius und dessen ungläubige Horden erzielt! Auf diesem Bild aber war es eindeutig eine Abendsonne, die im Westen unterging. Es schien ihm überdies logisch, dass die Entscheidung am Abend gefallen sein musste. Militärstrategisch war es unglaubwürdig, einen derart monumentalen Heerauftrieb in der Dunkelheit einer fast mondlosen Nacht zu organisieren und das Gefecht im Dunkeln zu beginnen, sodass die Entscheidung in die Zeit eines Sonnenaufgangs fiel. Zudem kann der Mond schlechterdings nicht links oberhalb von einer aufgehenden Sonne stehen, er muss ihr folgen. Also entweder ihr nach rechts bereits vorausgeeilt oder noch unter dem Horizont verborgen sein. Der Mond mit seiner schmalen Sichel konnte auch kein aufgehender Mond sein, denn dann stünde er der untergehenden Sonne quasi gegenüber und wäre voller beleuchtet und keine Sichel mehr. Also war auch der Mond ein untergehender, der Sonne folgend und damit gleichzeitig ein zunehmender Mond.

Die ganze schöne Symbolik und Mystik waren dahin.