Anja

Am Nebentisch saß eine gemischte Runde aus Midlifecrisis und gelifteten Frauen. Die Männer redeten wichtig und die Frauen lachten laut.

Eines der Paare war fertig und zahlte. Der Mann beendete im Gehen seinen letzten Witz und schaute dabei zurück zum Tisch, um den Beifall nicht zu verpassen, als die Bedienung mit ihren Getränken hinter ihm vorbeiging. Mit seinem Hintern riss er das Tablett zu Boden, wobei die beiden Biergläser für Klaus und Ben mit lautem Scheppern zerbarsten und die spritzende Flüssigkeit den unteren Rand der Hosenbeine des Witzigen befeuchtete.

„Pass doch auf, du blödes Huhn“, rotzte dieser und schaute verärgert an seinem Bein herunter. „Ärger dich nicht, Schatzi“, sagte die Geliftete, „das Mädel ist doch jung und wird es noch lernen.“ Sie schmiegte sich mit ihrer engen Latexjeans an sein geschändetes Hosenbein, hakte ihn unter und stöckelte mit ihm und einem wohltrainierten Hüftschwung dem Ausgang zu.

„Oh, es tut mir leid“, sagte die junge Bedienung etwas zu leise, „ich hole sofort einen Besen und neue Getränke“.

Klaus sah, wie sie mit ihrem Fuß die Scherben zusammenschob und dabei ihre Brille zurechtrückte. Sie war ihm bei der Bestellung nicht weiter aufgefallen, hatte eine weite dunkle Latzhose an und war keine dieser heißen Feger, sondern eines der ruhigeren Mädchen, die man erst beim zweiten Blick sympathisch fand. Erst jetzt bemerkte er ihr hübsches Gesicht, zu dem die große Brille überhaupt nicht passte. Sie war wirklich noch jung und möglicherweise von der Situation überfordert. Inzwischen war sie draußen, vermutlich, um ein Kehrblech zu holen.

„Die jobbt hier nur “, sagte Ben, „meine Schwester kennt sie vom Pestalozzi-Gymnasium. Vorletztes Jahr, also Kursstufe K1 und ich glaube, sie machen zusammen den Kunstkurs.“

„Komm, wir räumen schon mal auf“, sagte Klaus, dem das Mädchen leid tat. Er fand es unfair, wie der alte Sack sie zusammengefaltet hatte, obwohl er selber schuld war. Er bückte sich und hob mit seinen Fingerspitzen die großen Gläserstücke auf das noch am Boden liegende Tablett. Dann stellte er das Ensemble auf den Tisch. Als die Bedienung zurück kam und das Tablett mit dem Scherben auf den Tisch sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Oh, vielen Dank“, sagte sie zu Ben und widmete ihm die Fortsetzung ihres Lächelns. „Er war‘s“, sagte Ben und nickte zu Klaus. „Das ist ja nett“, sagte sie nun zu Klaus und drückte wieder an der Brille. Klaus fand sie jetzt noch hübscher als vorher und versuchte, sie sich ohne Brille und in richtiger Kleidung vorzustellen. Hosentausch mit den Damen am Nachbartisch, das wäre vielleicht einen Versuch wert gewesen. Er suchte nach einer Idee, wie er mit ihr ins Gespräch kommen könnte, ohne dass ihm etwas Passendes dazu einfiel. Außerdem ließ Ben ihm keine Lücke zu einem guten Gesprächsanfang.

„Wir sind beide nett, hast Du das das noch nicht gemerkt?“

„Ich hol Euch beiden Netten gleich zwei frische Bier und räume vorher nur noch schnell mein Chaos auf“, sagte sie,  und widmete sich mit ihrem Besen und einem Kehrblech dem Rest der Scherben, um kurze Zeit später mit einem Tablett und zwei vollen Gläsern darauf wiederzukommen.

„So, ihr Durstigen, jetzt kann es endlich weitergehen.“ Sie stellte die beiden Gläser auf den Tisch und verschwand zurück in Richtung Tresen. Trotz der weiten Latzhose bemerkte Klaus ihren nicht minder eleganten Hüftschwung, und diesmal schien es ihm ein Geschenk der Natur und nicht das Ergebnis langjährigen Trainings zu sein. Er bereute, nicht schlagfertiger gewesen zu sein und die Chance genutzt zu haben, sich bei ihr über das reine Aufsammeln von Scherben hinaus in Szene gesetzt zu haben. Vielleicht konnte ihm Ben etwas über sie erzählen, und damit helfen, einen Gesprächsanfang zu finden.

„Gehört schon ein bisschen Mut dazu, hier als Schülerin zu jobben“, versuchte Klaus es.

„Sie bereitet sich vielleicht schon auf später vor“, grinste Ben, „Geld wird sie brauchen. Ich meine, bei ihrem Interesse für Kunst. Damit kannst du nichts verdienen, außer, du wirst ein wirklich großer Künstler. Die Chancen dafür sind denkbar schlecht. In der Schule haben sie gerade eine Projektaufgabe bekommen, sie müssen irgendwas zeichnen. Meine Schwester rennt zu Hause mit einem großen Karton aus der Tür und sitzt nach ihrer Rückkehr stundenlang am Schreibtisch und zeichnet. Ich muss sie mal fragen, um was es da eigentlich geht.“

Das war nicht viel. Klaus konnte damit nichts anfangen.

„Kennt Deine Schwester sie gut?“, fragte er.

„Seit einigen Jahren. Ich glaube, sie heißt Anja. Meine Schwester macht den Kunstkurs, weil es da die besten Noten geben soll. Anja hingegen meint es wohl ernst mit der Kunst. Ich meine, sie will später vielleicht Kunstgeschichte studieren oder sowas. Deswegen auch mein Hinweis mit dem Geld. Eine Discoqueen ist sie jedenfalls nicht. Meine Schwester hat mich mal auf eine ihrer Stufenpartys mitgenommen, wo ich mich um die Technik gekümmert habe, da liefen ne Menge flotter Käfer herum, Anja war nicht dabei. Warum fragst du?“

Sollte Klaus von seiner Entdeckung eines natur­geschenkten Hüftschwungs erzählen, der ihm auch unter der dunklen Latzhose nicht verborgenen geblieben war? Den lächelnden Augen hinter einer zu großen Brille, der sympathischen Schüchternheit? Anjas Schlagfertigkeit, die Tiefe erwarten ließ? Besser nicht, sonst würde er noch aufmerksam und womöglich seine Meinung zu flotten Käfern revidieren.

„Hat sie einen Freund?“, rutschte es ihm heraus und fast hätte er sich dabei die Zunge abgebissen. Ben schaute jetzt wirklich etwas überrascht.

„Soll ich erst meine Schwester fragen, ob sie noch solo ist, oder würdest du es auch gegen eine Konkurrenz versuchen?“

„Wenn ich ihr Freund wäre“, sagte Klaus, „wäre ich nicht wirklich begeistert davon, sie hier als Bedienung zu sehen. Die ständigen Machotypen und die Anmache, und als Schülerin hat dich das Leben noch nicht soweit abgehärtet, dass du dich hier behaupten kannst. Jedenfalls wenn du schüchtern bist.“

Er war froh, dem Gespräch diese Wendung gegeben zu haben. Es ging nicht um ihn, sondern um schüchterne Mädchen allgemein. Er hatte sich selbst zunächst aus der Gefahrenzone gebracht, bewegte sich aber immer noch auf dünnem Eis. Gespräche über Mädchen waren nicht sein Spezialgebiet. Ihm fehlte der solide Erfahrungsschatz, auf den die meisten seiner Freunde zurückgreifen konnten, wenn das Gespräch auf Mädchen kam. Was ihm jetzt half, war die Einschätzung, dass auch Ben kein Partylöwe war. Auch bei ihren gemeinsamen Partys früher war Ben derjenige, der sich gerne um die Technik gekümmert hatte. Eigentlich war er ein Nerd, ein Computerfreak, der sich stundenlang in seinen PC vertiefen konnte und die unmöglichsten Sachen dabei herausfand. Die Gespräche mit ihm hatten auch Tiefe, aber technisch, nicht menschlich. Sie waren unemotional und einfach. Die Tiefe allerdings war beachtlich. Deswegen war Klaus auch gerne mit Ben zusammen.