Klaus

„Wer mag noch Würstl?“

Anstelle einer Antwort streckte sich ein Arm zum Teller und schickte ihn auf die Runde. Hunger hatte kaum noch jemand, aber den meisten wäre das Bier alleine jetzt noch zu trocken gewesen. So leerte sich der Teller schnell und fand seinen Weg zurück zu Ben, der den Grillmeister gab.

Etwa 15 Jugendliche hatten sich um ein kleines Lagerfeuer auf Bierkästen, Decken und Campingstühlen verteilt und gaben einen repräsentativen Querschnitt ihres Jahrgangs im Berufskurs ‚Industrietechnologie‘, dessen Halbzeit sie heute feierten. Zwei Mädchen, sonst alles Jungs. Sie lästerten über die unfähigen Dozenten und langweiligen Vorlesungen und amüsierten sich über die Prüfungen, die alle locker bestanden hatten, nachdem Ben herausgefunden hatte, dass bereits in den Vorjahren fast jedes Mal dieselben Multiple Choice Fragen drangekommen waren. Eine ordentliche Playlist lief über den Bose Soundlink und ermöglichte auch den Mundf­aulen ein stressfreies Chillen. Die Frisbeescheibe wurde jetzt nicht mehr gespielt und gab stattdessen einer halbvollen Bierflasche besseren Halt im Gras.

Klaus hatte schnell erkannt, dass sich bei keinem der Mädchen eine Initiative lohnen würde. Nicht nur wegen dem ungünstigen Konkurrenzverhältnis, sondern vor allem wegen ihrem Verhalten, und wohl auch wegen ihrem Aussehen. Sie passten in jedweder Beziehung perfekt in die Gruppe der Techniknerds, redeten viel und antworteten schnell, aber es fehlte Klaus an Tiefe und Mysterium. Klaus war verblüfft, wie schnell sich seine Einschätzung gebildet hatte. So brauchte er sich nicht in den Wettstreit der Bewerber einreihen und konnte sich relaxt auf Jungsthemen fokussieren. PC Systeme, Lautsprecher, Grafikkarten, hier fand er für alles Technische Interesse und Rat. Sascha konnte exzellent Federball spielen und hatte ihn mächtig über die Wiese gejagt, genau richtig für einen soliden Durst. Außer seinem alten Schulfreund Ben kannte Klaus niemanden näher.

Wir feiern unser erstes Jahr, Würstl, Bier und so. Willst du dazukommen?

Bens E-Mail steckte jetzt als Papierknäuel in der Hosentasche. Klaus hatte sofort zugesagt. Menschliche Gesellschaft, Ablenkung und andere Ideen, das brauchte er jetzt. Er hatte seinen Bachelor in Elektrotechnik vor einigen Wochen abgeschlossen war in einem Loch gelandet. Wie sollte es weitergehen? Er hatte ganz ordentliche Noten bekommen und sein Professor hatte ihm geraten, weiterzumachen, die Gelegenheit zu einer weiterführenden Masterarbeit würde sich ganz gewiss ergeben. Aber wollte er das auch? In den ersten Semestern begegnete er in den Vorlesungen einer Mischung aus schwer verdaulichen mathematischen Grundlagen und oberflächlichen Abhandlungen von Phänomenen. Kaum ein Professor hatte die tief in ihm sitzenden Fragen nach der Ursache der Dinge berührt. Würde das noch kommen? Einmal hatte er eine Philosophievorlesung gehört. Die dort behandelten Fragen hatten ihn fasziniert, und er hatte sogar erwogen, umzusteigen. Doch was sollte er mit Philosophie im richtigen Leben anfangen? Wie lange würde er es sich leisten können, nur seinen Interessen zu folgen, ohne Rücksicht auf eine berufliche Anwendung? Und wenn er bliebe: würde die Elek­tro­technik je eine Antwort auf die ihn wirklich interessierenden Fragengeben können? Oder sollte er einmal etwas ganz anderes versuchen, gewissermaßen einen Gegenentwurf zur Elektrotechnik. Ei­nen Gegenentwurf zu den Vorlesungen mit kaum fünf Prozent Mädchen, zu den Kommilitonen in Jeans und Kapuzenjacke, zu den Büchern mit Zahlen, Tabellen und Formeln?

Er hatte sich entschieden und wollte die Gegenwelt kenne­nlernen. Übermorgen wäre sein erster Tag als Freiwilliger im evangelischen Alten- und Pflegeheim der Inneren Mission in Planegg. Dort würde er bei der Betreuung der Bewohner helfen, er würde mit ihnen Ausflüge machen, vielleicht Spiele, Essen verteilen und andere einfache Hilfsdienste verrichten.  Drei Monate lang, die gesamten Semesterferien. Er würde die ganze Elektrotechnik vergessen und diese andere Welt auf sich zukommen lassen. Drei Monate lang. Und dann würde er sich entscheiden. Diese Jahresparty war auch für ihn eine Zäsur, eine Abschiedsfeier. Mit Bier, Musik und Würstln konnte er mit den Techies ganz gut abhängen.

Inzwischen war es ruhiger geworden. Würstl und Steaks fanden jetzt keine Abnehmer mehr. Ben schlenderte zu Klaus.

„Wie lange wollen wir noch bleiben?“

„Soll man nicht gehen, wenn es am schönsten ist?“

„Dann lass uns diesen Moment nicht verpassen. Wir nehmen ein paar Flaschen mit und ziehen los. Du hast doch Schlafsack und Isomatte dabei?“

Natürlich hatte Klaus. Ben hatte schon bei der Einladung von dem kleinen See in der Nähe des Grillplatzes gesprochen und der Idee, dort unter freiem Himmel seine Schlafsäcke auszurollen und mit nichts über sich als dem Licht der Millionen Sterne die Nacht in der Natur zu verbringen. Sie holten ihre Rucksäcke, ließen einige Biere darin verschwinden und verabschiedeten sich. Nach wenigen Minuten verloren sich die letzten Gesprächsfetzen in der Dunkelheit, dann summten nur noch die Zikaden. Sie kamen durch ein kurzes Stück lichten Nadelwalds. Als Klaus jetzt zurücksah, war alles vollkommen schwarz. Kein Fetzen Licht von der viel befahrenen Straße dahinter war zu sehen. Die Bäume wuchsen im Abstand von vielleicht fünf, sechs Metern und waren selbst kaum einen halben Meter dick. Da wäre viel Luft gewesen um Licht hindurch zu lassen. Offensichtlich war der Waldstreifen tief genug, um jede Sichtverbindung zur Straße zu blockieren. Wenn jetzt die Bäume dünner wären, vielleicht nur zehn Zentimeter dick, dann wäre der Wald noch viel luftiger, und dennoch könnte es wieder stockdunkel sein. Der Wald müsste nur wieder genügend tief sein und irgendwann wäre auch jetzt eine direkte Sichtverbindung zur Straße unmöglich. So war es gut, sie waren ungestört.

Eine sanfte Brise ließ nahes Schilf rascheln und wies den Weg von Ben und Klaus in dieser unglaublich lauen Sommernacht. Unweit des Sees fanden sie eine ebene Stelle für die Isomatten und Schlafsäcke. Ein letztes Bier, dann waren beide endlich müde genug und sprachen auch nicht mehr. Ben war eingeschlafen. Klaus drehte sich auf den Rücken und schaute in den unendlichen Sternenhimmel über sich. Hier waren sie weit genug außerhalb der Stadt und hatten keine störenden Lichter. Die Nacht war mondlos und bot einen grandiosen Blick auf die Sterne. Ein Satellit zog langsam seine Bahn, zu gleichmäßig und zu klein für ein Flugzeug. Klaus erkannte das breite Band der Milchstraße und versuchte, sich zu orientieren. Wo war doch gleich der Andromedanebel, die nächste Galaxie? Die müsste man sehen können. Und die anderen, unendlich vielen Galaxien weiter draußen, sah man diese, vielleicht nur als Punkte? Warum überhaupt gab es nicht überall helle Punkte? Ebenso, wie kein Licht von der Straße zu ihnen drang, weil Bäume dazwischenstanden, dürfte es keine Dunkelheit am Himmel geben, wenn nur genügend viele Sterne in Blickrichtung stehen. Unendlich viele sollten allemal genug sein. Warum also war der Himmel überhaupt dunkel?

Ein geheimnisvoller Sog aus der Tiefe des Alls ergriff Klaus und ließ ihn vor der unermesslichen Weite erschauern, die ihn erfasste und verschlingen wollte. Die Sterne verloren ihren Halt und stürzten herab. Klaus schloss die Augen und spürte, wie ihn das mystisch Unbekannte ergriff und mit sich riss, zu einer Reise in die rätselhaften Tiefen des Kosmos, wo er in unendlicher Ferne die Antworten auf seine Fragen finden würde.

Dann schlief auch er ein.